Die Jägersprache oder Waidmannssprache ist eine der ältesten und umfangreichsten Standessprachen, die sich seit dem Mittelalter bis heute in wenig veränderter Form erhalten hat. Wie alle Standessprachen dient sie zwei Zwecken. Zum einen dem präziseren und kürzeren Informationsaustausch, als dies mit der Umgangssprache möglich ist und zum anderen auch einer gewissen Abgrenzung. An der gemeinsamen Sprache erkennt man den Gleichgesinnten, den oder die mit gleichen Interessen. Gleiches gilt z.B. für Handwerker "auf der Walz", Zimmerleute, Verbindungsstudenten, Steinmetze und Maurer .
Wenn ein Jäger im Zusammenhang mit der Jagd von einem "Teller" spricht, weiß jeder andere Jäger, daß damit das Ohr eines Wildschweins gemeint ist. Bei einem "Bassen" ist klar, daß es sich um einen kapitalen, also großen und alten Keiler handelt. Ein "Luder" hat nichts mit mit weiblichen Menschen aus Bildzeitungsschlagzeilen zu tun, sondern bezeichnet ein totes Tier, welches zum Anlocken von Raubwild an einem "Luderplatz" verwendet wird.
Viele Begriffe der Waidmannsspache lassen sich auf althochdeutsche Begriffe zurückführen, wie z.B. der Begriff des Waidwerks oder Waidmann selbst, welche auf das mittelhochdeutsche weid(e) für "Jagd, Fischerei", das althochdeutsche weida (Jagd, Beute) und sogar noch weiter auf das altnordische veidhr (Jagd, Fischfang) welches vemutlich auf das indogermanische *weidh (jagen) mit der Wurzel *wei (verfolgen) zurückgeht. Noch heute spricht auch der Angler von der Fischwaid.
Da Reiterei, Fischfang und Jagd seit dem frühen Mittelalter zusammengehören, teilen Jäger, Reiter und Angler noch heute einige Begriffe und besonders bei Jägern und Reitern auch Teile des Brauchtums, wie die Hornsignale.
Die Jagd war eine wichtige Nahrungsquellen der Adelshöfe im Mittelalter. Die bäuerlichen Betriebe hatten damals nur wenig Überschüsse, die nicht für die Ernährung der eigenen Familie und die nächste Aussaat gebraucht wurden. Darüber hinaus war Vorratshaltung nur bei einigen Lebensmitteln einfach möglich. Jagd und Fischerei waren daher Privilegien des Adels. Aus dieser Zeit stammen auch die Begriffe "Hochwild" und "Niederwild", die von der Jagd des Hochadels (also mehr als Baron oder Freiherr) und des niederen Adels stammen. Hochwild sind heute noch alle Schalenwildarten mit Ausnahme des Rehwildes, Auerhähne, Steinadler, Seeadler und Bären.
Im Mittelalter zählten auch heute nicht mehr dem Jagdrecht unterliegende Arten wie Trappe, Kranich und Uhu zum Hochwild. Der Schwan ist heute Niederwild. Störche, Greifvögel, Bären, Biber, Otter und auch andere heute seltsam anmutende Tierarten standen damals ganz normal auf dem Speisezettel. Heute exklusive Nahrungsmittel, wie Lachs, waren damals ein "Arme-Leute-Essen".
Ein vollständiges Wörterbuch der Jägersprache würde etwa 3000 direkt gebräuchliche und weitere 10000 seltener gebrauchte Begriffe umfassen und wäre hier bei weitem zu lang. Deshalb sollen hier nur einige häufiger auftauchende Worte in ihrer Bedeutung geklärt werden.
Jägerlatein - Im Unterschied zur Jägersprache oder Waidmannssprache als fachlicher Ausdrucksweise ist das Jägerlatein die besonders in geselliger Runde geübte Sitte, eigene Jagderlebnisse möglichst farbenfroh und publikumswirksam unter Anwendung einiger künstlerischer Freiheiten zu schildern.
Stück - Mit Stück meint der Jäger die Zahl. Also ein Stück, zwei Stück, drei Stück. Ein Stück Rehwild, 2 Stück Rehwild u.s.w. Das Wort "Stück" hat in diesem Zusammenhang keinen Plural. Übertragen bzw. in der waidmännischen Umgangssprache steht Stück auch verkürzt, ohne die genaue Bezeichnung des Tieres. Also z.B. "der Hund fand zum Stück" statt "der Hund fand zu dem gesuchten Stück Rotwild".
Horrido und Waidmanssheil - Ausgeschireben wäre das "Ho Rüd Ho! und Waidmanns Heil!", also "Hoch, Rüde, Hoch!" im Sinne von "Lauf, Hund, Lauf!" und "Gutes Gelingen bei der Jagd!" Horrido, heute eine Gruß- oder Abschiedsformel, kommt vom Anfeuerungsruf der Rüdemänner, also der Leute im jagdlichen Betrieb eines Adelshofes, welche sich um die Jagdhunde kümmerten.
Gerecht, Waidgerecht - Etwas oder jemandem gerecht werden. Waidgerecht heißt: Dem Jagdbrauch entsprechend. Hirschgerecht meint: Dem Rotwild als Beute gerecht werden.
Brunft, Rausche, Blattzeit, Ranz - Bezeichnungen für die Paarungszeiten unterschiedlicher Wildarten. Brunft: Hirsche, Rauschzeit oder Rausche: Schwarzwild, Blattzeit: Rehwild, Ranz: Füchse und Marderartige. "Ranziger Geruch" kommt von den deutlich wahrnehmbaren Sekreten aus den Duftdrüsen von Fuchs und Marder.
Löffel, Teller, Behänge - Die Ohren von Hase, Wildschwein und (Jagd-)Hund.
Blattschuß - Schuß durch das Schulterblatt des Wildes.
Schalenwild - Die Hufe der wildlebenden Paarhufer heißen Schalen. In Deutschland sind das Rot-, Dam- und Sikahirsch, Muffelwild (Mufflon), Rehwild und Schwarzwild. Dazu kommen noch die Elche im angrenzenden Ausland.
Keiler, Bache, Frischling, Überläufer, Rotte - Bezeichnungen für Schwarzwild. Keiler nennt man männliche Stücke über 2 Jahre. Bachen sind das weibliche Gegenstück. Frischlinge sind Jungtiere bis zu einem Alter von einem Jahr, Überläufer sind Jungtiere im zweiten Lebensjahr. Rotte nennt man den Familienverband beim Schwarzwild, der von einer Leitbache angeführt wird. Männliche Überläufer verlassen die Rotten, weibliche bleiben dabei und werden als Bachen die sogenannten "nachgeordneten Bachen".
Fährte, Spur, Wechsel, Pass - Fährte nennt man die Laufabdrücke des Schalenwildes, Spur die Abdrücke aller anderen Wildarten. Ein Wechsel ist ein vom Wild immer wieder benutzer Weg, der Wildwechsel. Bei Fuchs und Hase heißen diese Wege Pass.
Hirschfänger - Ein langes Messer, früher eher ein Schwert, welches zum Abfangen von Rotwild benutzt wurde. Mit Abfangen bezeichnet man das Töten eines Stückes mit einer "kalten Waffe", also einem Messer, Schwert oder einer Saufeder (eine Art Speer). Man spricht heute noch von Fangschuß.
Ansprechen - Ansprechen bedeutet für den Jäger, ein Stück nach Art, Geschlecht, Alter und Zustand zu klasssifizieren.
Kanzel, Hochsitz, Ansitzleiter - Ein Hochsitz oder eine Kanzel ist ein erhöht gebauter, offener oder geschlossener Kasten mit Sitzgelegenheit, welcher der Ansitzjagd ebenso dient, wie die Ansitzleiter, die nur aus Leiter und Sitz besteht. Kanzeln und Leitern dienen dem Sichtschutz des Jägers, der besseren Übersicht und der Sicherheit. Ein Schuß, der von oben nach unten abgegeben wird, geht kurz hinter dem Wild in den Boden. Würde man auf gleicher Höhe oder gar nach oben gegen einen Hügelkamm schießen bestünde eine erheblich größere Umfeldgefährdung. In Rotwildgebieten werden die Kanzeln sehr hoch gebaut, da Rotwild sehr gut sieht.
Ansitz, Ansitzjagd - Die Jagdart, bei der der Jäger auf einer Ansitzeinrichtung wie Kanzel, Leiter oder Schirm auf das Wild wartet. Die Ansitzjagd erlaubt genaues Ansprechen des Wildes und damit auch schwierige, gezielte Abschüsse z.B. bei nachgeordneten Bachen. Für den sozialen Zusammenhalt in der Rotte muß sichergestellt werden, daß die Leitbache nicht erlegt wird und die zu erlegenden Bachen keine Frischlinge führen.
Treibjagd, Drückjagd - Als Treibjagd bezeichnet man eine Gesellschaftsjagd auf Niederwild, als Drückjagd eine Gesellschaftsjagd auf Hochwild. Eine genauere Beschreibung findet sich im Artikel Gesellschaftsjagden.
Ein Standardwerk zum gesamten Jagdlichen Brauchtum und die wichtigsten Begrifflichkeiten der Jägersprache,
Eine humorvolle Einführung in die Jägersprache mit schönen Karikaturen.