Bei der Hundeerziehung gibt es ständig neue Moden, die mit meist englischen Namen und Begriffen daherkommen, neue Aufgüsse von altem Tee oder Unsinn sind und die genauso schnell in der Versenkung verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Die Erfinder und Vermarkter dieser Moden liefern sich regelrechte Glaubenskriege und haben leider auch einige unsinnige Standpunkte in der Öffentlichkeit verankert, die weder den Hunden, noch den geplagten und teuer für Gerätschaften, Bücher, Videos und Kurse bezahlenden Herrchen und Frauchen gerecht werden. Dieser Artikel vermittelt Ihnen einige allgemeine Grundlagen zur Hundeerziehung.
Klare Antwort: Nein! Es gibt sowohl zwischen den unterschiedlichen Rassen und Schlägen, als auch zwischen den individuellen Hunden innerhalb einer Rasse gewaltige Unterschiede. Während der eine Hund sehr gut auf Belohnungen anspricht, sind diese dem nächsten völlig egal. Ein Hund ist extrem auf den Hundeführer fixiert, ein anderer ist selbstbewußt und eigenständig. Jeder dieser Hunde erfordert ein besonderes Eingehen auf seine Eigenheiten, um die bestmöglichen Ergebnisse in der Erziehung zu erreichen.
Wenn Sie einen beispielsweise einen verfressenen Hund haben, schätzen Sie sich glücklich. Sie werden ihm so gut wie alles mit Leckerchen beibringen können. Bei anderen Hunden funktioniert nicht einmal die Futterprägung auf den Clicker.
Ein Hund nimmt die Welt anders wahr als wir. Er lebt in einer farbarmen Welt, die hauptsächlich aus Bewegungen besteht, "sieht" feinste Geruchsspuren im Raum und hört etwa 50mal besser als wir, auch wenn er das manchmal gut verbergen kann.
Hunde lernen zwar sehr gut, sich auf Menschen, ihre Körpersprache und ihre Lautäußerungen einzustellen, aber sie können eben nicht "jedes Wort" verstehen, wie Ihnen manchmal unterstellt wird. Die Lernfähigkeit von Hunden in Bezug auf gesprochene Kommandos liegt bei etwa 70 bis 250. Genau wie bei Menschen, gibt es auch bei Hunden erhebliche individuelle Unterschiede. Ihre Lernfähigkeit auf Körpersprache (Mimik und Gestik) ist dagegen kaum begrenzt.
Ein Beispiel. Ihr Welpe erschrickt vor einem ungewohnten Geräusch und flüchtet mit eingeklemmter Rute zu Ihnen. Soweit ein ganz normales Welpenverhalten. Normalerweise würde ein gesunder Welpe nach wenigen Sekunden wieder langsam auf die Geräuschquelle zugehen, wenn nichts schlimmes passiert. Wenn Sie sich aber auch erschrecken, Ihr Hündchen hochreißen und "trösten" begehen Sie schon den ersten Fehler. Besonders Welpen können unterschiedliche Arten der Zuwendung noch nicht unterscheiden. Der Kleine lernt, daß wenn er Angstsignale zeigt, etwas angenehmes passiert. Also wird er irgendwann Angstsignale zeigen damit etwas angenehmes passiert! Hunde sind da sehr folgerichtig.
Das gleiche geschieht auch, wenn Sie den Welpen in den ersten Nächten bei Ihnen trösten, wenn er wimmert. Wenn Sie das nur einmal machen, haben Sie meist schon verloren. Er wird sehr schnell lernen, wie er wimmern muß, damit sie gehorchen und ihm die langweilige, dunkle Nacht angenehmer gestalten. Und das tun Sie auch dann, wenn Sie schimpfen! Zuwendung ist Zuwendung und Hauptsache es kommt jemand. Wenn Sie einen Welpen ins Haus holen, gehen Sie in den ersten Nächten ein paarmal hin und streicheln ihn, aber nur wenn er ruhig ist oder schläft! Niemals, wie hart das auch sein mag, wenn er wimmert. Er wird dann lernen, daß die Nacht angenehm ist, weil man manchmal gestreichelt wird und Wimmern nichts bringt.
Zusammengefaßt: Ein Lob ist für einen Hund das, was ihm in einer bestimmten Situation angenehm ist, Tadel ist das, was eine Situation unangenehm macht.
Kurz zusammengefasst:
Sowohl Lob, als auch Tadel sollten immer nur in dem Augenblick des Verhaltens gegeben werden. Hunde verknüpfen nur dann zuverlässig, wenn eine Zeit von etwa 0,3 Sekunden nicht überschritten wird. Wenn z.B. ein Hund wegläuft und auf ein Kommando "Komm" nicht reagiert, kann man nur in diesem Moment tadeln oder bestrafen, niemals und das heißt NIEMALS, wenn der Hund später zu einem zurückkommt! Hunde sind keine Menschen und kennen keine menschlichen Begriffe von Schuld, Sühne oder schlechtem Gewissen. Sie können aber die menschliche Körpersprache sehr gut "lesen" und auch unsere durch Aufregung verursachten Körperausdünstungen wahrnehmen. Wenn also ein Hund scheinbar ein schlechtes Gewissen hat bzw. sich unterwürfig verhält, dann meist deshalb, weil wir Drohgebärden und -gerüche abgeben, nicht weil er sich irgendeiner "Schuld" bewußt wäre.
Noch wichtiger als die Beachtung des richtigen Timings ist das Auflockern nach jeder Art von Tadel oder Strafe. Sobald das unerwünschte Verhalten abgestellt ist, sollte man dem Hund eine Gelegenheit geben, sich "richtig" zu verhalten und ihn dann gleich loben, belohnen und mit ihm spielen, bis seine Unterwürfigkeit vollständig verschwunden ist. Nur wache und aufmerksame Hunde, die sich nicht bedroht fühlen, lernen schnell und richtig.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Lob und Tadel meint nicht Gewalt! Die hat in der Hundeerziehung nichts zu suchen! Wenn Sie sich über Ihren Hund ärgern, brechen Sie die Schulstunde ab und beruhigen Sie sich erst, bevor Sie weitermachen. Ihr Hund nimmt Ihren Ärger sehr deutlich wahr und macht "dicht", was Ihren Ärger nur noch steigern wird. Wenn Sie nicht ruhig und überlegt handeln, machen Sie im Endeffekt bei der Erziehung mehr Schaden als Nutzen.
Man kann so ziemlich jedes Verhalten durch Belohnung positiv verstärken und damit erreichen, daß der Hund dieses Verhalten normalerweise gern macht. Sei es kommen auf Zuruf, Sitz, Platz, Bei Fuß, Warte (vor dem Öffnen der Autotür), Voran, Bring oder was z.B. in der Agility oder dem Gebrauchshundesport verlangt wird. Aber eben nur normalerweise. Wenn man einen wenig dominanten und wenig triebstarken Hund hat, kann dieses "normalerweise" auch zu einem "immer" werden, aber bei dominanten und triebstarken Hunden kommt man nur mit Belohnung nicht aus.
Besonders problematisch bei selbstbewußten Hunden sind selbstbelohnende Verhaltensweisen. Beispielsweise das Jagen oder die Vermehrung. Die Belohnung, die Ihr Hund sich selbst durch Jagd verschafft, besonders wenn diese schon einmal erfolgreich war, ist größer, als die Belohnung durch ein Leckerchen, Lob, oder Clickergeräusch. Ein selbstbwußter Hund wird also wildern gehen und Ihre Kommandos ignorieren.
Es sei denn, Sie haben ihm beigebracht, daß Ihre Kommandos unbedingt zu befolgen sind.
Und das geht nun einmal nicht, ohne daß gelegentlich auch einmal unerwünschtes Verhalten bestraft wird.
Das sind Sie und nur Sie! Es gibte einige wenig Ausnahmen von angeborenen Vehaltensschäden bei Hunden, wie z.B. bei einhodigen Rüden, aber die sind sehr selten. In 99,9% aller Fälle ist das Problem am menschlichen Ende der Leine zu suchen. Der Hauptfehler besteht darin, den Hund nicht als Hund, sondern als Menschen zu sehen. Auch wenn Hunde erstaunlich anpassungsfähig sind, ist es unfair, von ihnen zu verlangen, sich wie Menschen zu benehmen oder auch nur Menschen zu ersetzen.
Wenn man sich einen dominanten Rüden ins Haus holt und ihm die ganze Zeit signalisiert, daß er der Herr im Hause ist, indem man ihm alles durchgehen läßt und seine Dominanzsignale ignoriert muß man sich nicht wundern, wenn er nach der Geschlechtsreife tatsächlich zum Herrn im Hause wird. Auch ungezügelte Aggressionen haben ihre Ursache so gut wie immer in falschem Verhalten des Menschen. Wenn dem Hund z.B. menschliches "Verstehen" unterstellt wird und er Stunden nach einem Verhalten dafür bestraft wird. Für den Hund ist das grundlose Aggression und manche Hunde ahmen dieses Verhalten dann nach.
Versuchen Sie, soviel wie nur möglich über Belohnungen und positive Verstärkungen zu erreichen. Setzen Sie nur soviel Tadel ein, wie unbedingt nötig, dann aber auch genauso entschlossen, wie das Lob.
Das Kosmos Erziehungsprogramm für Hunde
Das andere Ende der Leine. Was unseren Umgang mit Hunden bestimmt